HEIMAT UND DAS BÖSE
"Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich - gibt das Gedächtnis nach."
Friedrich Nietzsche
Wir nennen von Zeit zu Zeit verschiedene Taten, Menschen oder Pläne ‚böse’.
Wir bezeichnen manchmal Regime, Menschen oder Achsen als Verkörperung des BÖSEN.
Es scheint einen Unterschied zu geben, ob wir etwas ‚böse’ nennen, oder es als Teil des BÖSEN auffassen. Wenn etwas Teil des BÖSEN ist, dann ist es durch und durch böse, dann schließt es alles Gute aus, dann macht es Gutes prinzipiell unmöglich. Das ist bei bösen Taten (selbst den sehr bösen) nicht der Fall. Das BÖSE ist nicht einfach falsch oder verwerflich, sondern die Beendigung eines moralischen Diskurses überhaupt.
„Das größte Böse ist nicht radikal, es hat keine Wurzeln, und weil es keine Wurzeln hat, hat es keine Grenzen, kann sich ins unvorstellbare Extrem entwickeln und über die ganze Welt ausbreiten. (...) Anders gesagt, wenn vergeben wird, dann wird nicht das Verbrechen vergeben, sondern der Person; beim wurzellosen Bösen gibt es keine Person mehr, der man je vergeben könnte."
Hannah Arendt
Das BÖSE sprengt moralische Normen. Es lässt jede Rede von Verbrechen und Strafe sinnlos erscheinen. Daher ist alles, was Teil des BÖSEN ist, vogelfrei und hat keinen Anspruch auf die Mechanismen eines Rechtsprinzips. Dieser Gedanke lässt es wichtig erscheinen, zu fragen, ob wir tatsächlich in der Lage sind zu bestimmen, ob etwas ein Teil des BÖSEN ist.
Hannah Arendt brauchte den Begriff des BÖSEN, bei ihrem Versuch, die Schrecknisse
des Holocaust zu verstehen. George W. Bush kennzeichnet mit demselben Begriff die Feinde Amerikas.
Worauf berufen sich Arendt und Bush, woran lässt sich erkennen und ermessen, ob etwas Teil des BÖSEN ist? Eine mögliche Antwort lautet: BÖSE ist etwas, das Heimat unmöglich macht.
Eine Heimat zu haben heißt, die einzelnen Begebenheiten meines Lebens als sinnvoll und zusammenhängend zu begreifen. Ich erlebe nicht nur Momente des Vertrautseins mit der Welt, sondern verknüpfe sie zu einem Netz. In diesem Netz werden Phänomene wie Identität, Charakter, Freiheit allererst möglich. Ein Mensch, der keine Heimat hat, kann nicht sagen, wer er ist. Erst in einer Heimat erlebe ich eine dauerhafte Welt, dauerhafte Beziehungen zu Menschen und dauerhaft mich.
Ohne Heimat hat mein Leben keine Dauer, sondern eine bestimmte Länge, die in Jahren oder Jahrzehnten gemessen werden kann, jedoch keinen inneren Zusammenhang hat. Ohne Heimat lässt sich nicht sagen, was mein Leben mehr war als eine Abfolge von einzelnen Ereignissen und Dingen.
Gar keine Heimat zu haben - heimatlos zu sein - ist eine Grenzsituation. Es lassen sich zwei grundsätzliche Grenzsituationen denken: eine innere und eine äußere.
Die äußere Grenze von Heimat ist der Tod. der Zusammenhang ist banal: das Phänomen Heimat gehört zum Leben. der Tod ist die Singularität, in der Heimat endet.
Die innere Grenze von Heimat ist schwerer zu bestimmen und muss umstritten bleiben. Ich denke, es gibt politisch und psychisch heimatlose Menschen. Die Menschen, die vergessen und isoliert in Lagern interniert sind und umgebracht werden, muss man wohl heimatlos nennen. Sie sind gänzlich und von allem verlassen. Jede Form der Verbundenheit mit der Welt ist getilgt. Selbst die Möglichkeit von Interaktion und somit die Möglichkeit von Heimat ist verloren. für diese Menschen gibt es keine Hoffnung, selbst aus unserem Gedächtnis wurden sie erfolgreich gelöscht.
Auf andere Weise können stark depressive Menschen heimatlos sein. Herausgefallen aus der Welt, verlassen und ohne Hoffnung auf Rückkehr, leben sie jenseits irgendeiner Verknüpfung wie im freien Fall.
Strukturen, Wesen oder Staaten, die systematisch Heimat verhindern, verdienen es vielleicht, Teil des BÖSEN genannt zu werden. Die Frage ist, wer diesen Zustand feststellen kann und darf.
