Ausschreibung
viele unserer bedürfnisse sind geschichtlich. ihr ende kündigt sich an, wenn die worte, die sie ausdrücken sollen, uns hohl in den ohren zu klingen beginnen. worte wie ‚gemeinschaft’, ‚heimat’ oder ‚ehre’ sind derart durchdrungen von nostalgie, utopismus und romantik, dass sie beinahe unbrauchbar sind, konkrete bedürfnisse und erfahrungen auszudrücken. habe ich ein bedürfnis nach heimat? habe ich eine heimat? auf diese fragen erhält man unterschiedliche antworten, je nachdem was sie bedeuten.
wir haben nur eine heimat, von dieser aber viele. und gleichzeitig. heimat ist kein ort, heimat ist ein besonderes verhältnis. dieses verhältnis kann ich zu einem ort, einer gegend, einem land oder planeten haben. aber auch zur musik, zur sprache, zur eigenen familie, zu gewohnheiten, zur landestypischen küche oder eigenen firma. und ich habe dieses verhältnis nicht einfach, sondern ich habe es immer in lebensphasen, momenten, in erinnerungen oder phantasien.
wir fragen uns: was ist das für ein verhältnis? oder: was ist das gegenteil von heimat?
dieses verhältnis wird in der regel als ein urtümliches angesehen: mit seiner heimat ist man verwurzelt. von seiner heimat weiß man nicht, man hat sie. sie war schon immer da. das verhältnis ist ein vortheoretisches, intim und sinnlich. heimat hat einen geruch, einen geschmack, geräusche. in seine heimat kommt man immer zurück. sie liegt in der vergangenheit und prägt. diese intuitionen findet man in den meisten verweisen zum thema heimat quer zu allen politischen, philosophischen oder ästhetischen positionen.
dieselben verweise verknüpfen auf die eine oder auch andere weise heimat und entfremdung. der moderne mensch ist entwurzelt oder verstrickt in die zwänge der lauten welt. doch das beklagen von entfremdung braucht die utopie der versöhnung. diese geht oft mit der (erfüllbar-unerfüllbaren) erinnerung an heimat einher. heimat ist der fluchtpunkt der eigenen identität, der, unerreichbar, dem modernen menschen vor augen steht. wir wollen uns mit uns (und auch gleich noch mit den anderen) versöhnen.
viele denken heimat als dauerhaftigkeit, während doch unser zuhause immer ein übergangsstadium ist. heimat wird assoziiert mit kindheit, mit ursprung und eigentlichkeit. heimat wird gedacht als verwurzelung an einem kleinen, vertrauten platz, doch die meisten von uns haben keinen solchen ort und gehören nicht länger etwas feststehendem, wohlbekanntem, vertrautem an, sondern einer flüssigen und elektrischen, anonymen großstadt, die ständig in bewegung ist.
wir halten die verbindung von heimat und ursprünglichkeit für einseitig und die verbindung von heimat und entfremdung für falsch. es ist unsere aufgabe, für unser bedürfnis nach heimat eine sprache zu finden, die nicht nur dazu dient, nostalgie, angst oder entfremdung von der moderne auszudrücken. unsere sprache der zugehörigkeit ist geprägt durch die klassische polis und die konzepte der romantik. aber gibt es eine sprache der zugehörigkeit, die flüssig ist?
wir suchen arbeiten, die sich mit heimat in dieser fragestellung auseinandersetzen, oder schaffen, oder zeigen.
Einsendungen:
TEXTE (theoretisch/literarisch)
areal28@web.de
HÖRSPIELE / FEATURE:
Marc Eggert
c/o Ines Dehnel
Buchholzer Str. 5
10437 Berlin
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KURZFILME / LANGFILME (spiel/dok/animation) / VIDEOKUNST:
Ines Dehnel
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EINSENDESCHLUSS FÜR ALLES: ENDE OKTOBER
AREAL28
Eberswalder Str. 28
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wir haben nur eine heimat, von dieser aber viele. und gleichzeitig. heimat ist kein ort, heimat ist ein besonderes verhältnis. dieses verhältnis kann ich zu einem ort, einer gegend, einem land oder planeten haben. aber auch zur musik, zur sprache, zur eigenen familie, zu gewohnheiten, zur landestypischen küche oder eigenen firma. und ich habe dieses verhältnis nicht einfach, sondern ich habe es immer in lebensphasen, momenten, in erinnerungen oder phantasien.
wir fragen uns: was ist das für ein verhältnis? oder: was ist das gegenteil von heimat?
dieses verhältnis wird in der regel als ein urtümliches angesehen: mit seiner heimat ist man verwurzelt. von seiner heimat weiß man nicht, man hat sie. sie war schon immer da. das verhältnis ist ein vortheoretisches, intim und sinnlich. heimat hat einen geruch, einen geschmack, geräusche. in seine heimat kommt man immer zurück. sie liegt in der vergangenheit und prägt. diese intuitionen findet man in den meisten verweisen zum thema heimat quer zu allen politischen, philosophischen oder ästhetischen positionen.
dieselben verweise verknüpfen auf die eine oder auch andere weise heimat und entfremdung. der moderne mensch ist entwurzelt oder verstrickt in die zwänge der lauten welt. doch das beklagen von entfremdung braucht die utopie der versöhnung. diese geht oft mit der (erfüllbar-unerfüllbaren) erinnerung an heimat einher. heimat ist der fluchtpunkt der eigenen identität, der, unerreichbar, dem modernen menschen vor augen steht. wir wollen uns mit uns (und auch gleich noch mit den anderen) versöhnen.
viele denken heimat als dauerhaftigkeit, während doch unser zuhause immer ein übergangsstadium ist. heimat wird assoziiert mit kindheit, mit ursprung und eigentlichkeit. heimat wird gedacht als verwurzelung an einem kleinen, vertrauten platz, doch die meisten von uns haben keinen solchen ort und gehören nicht länger etwas feststehendem, wohlbekanntem, vertrautem an, sondern einer flüssigen und elektrischen, anonymen großstadt, die ständig in bewegung ist.
wir halten die verbindung von heimat und ursprünglichkeit für einseitig und die verbindung von heimat und entfremdung für falsch. es ist unsere aufgabe, für unser bedürfnis nach heimat eine sprache zu finden, die nicht nur dazu dient, nostalgie, angst oder entfremdung von der moderne auszudrücken. unsere sprache der zugehörigkeit ist geprägt durch die klassische polis und die konzepte der romantik. aber gibt es eine sprache der zugehörigkeit, die flüssig ist?
wir suchen arbeiten, die sich mit heimat in dieser fragestellung auseinandersetzen, oder schaffen, oder zeigen.
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6 Kommentare:
ein paar ungeordnete gedanken:
Wenn man annimmt, daß jegliches bewußtsein von zugehörigkeit auf vorsprachliche referenzen zurückgreift oder zumindest von entsprechenden reminiszenzen durchwirkt ist, dann bildet heimat doch nur einen notdürftig versprachlichten fluchtpunkt einer sehnsucht, die verschiedene namen trägt. dieser fluchtpunkt ist notwendig utopisch, also ortlos. er hat etwas von der metaphysischen präsenz eines horizontes oder auch einer selbstähnlichen struktur. kenntlich, aber nicht greifbar, und einer aneignung nur in der weise zugänglich, wie man die augenlider über einem nachbild schließt.
keine inbesitznahme also, sondern vielmehr eine projektion von einzelbildern (varianten eines einzigen vor - bildes?) aus einem in bewegung befindlichen projektor auf eine ebenfalls bewegte umwelt mitsamt ihren belebten bewohnern. als autor, projektor und publikum dieses films bin ich reisender und fluchtpunkt zugleich. fluid.
aber es gibt gelegenheiten, die augen geschlossen zu halten, die blende zu blockieren und einem langsam verblassenden standbild nachzudämmern, innezuhalten in einem moment empfundener zugehörigkeit, der für einen moment wahr gewesen ist. ich nehme diese gelegenheiten wahr.
es geht um konstruktionen von heimat. sprachliche konstruktionen. es gibt sie wohlfeil aus den sehnsuchtsdiscountern der reisebüros, der kinos und ja - auch von den couchen der küchenpsychologie und aus dem familiären setzkasten sowieso.
ich frage mich gerade, ob eine sprache, die auf diese konstruktionen verzichtet, seien es heimwerkerbausätze oder hoch versicherte unikate, ob diese flüssige sprache zugehörigkeit überhaupt kennen und ausdrücken kann. ich frage mich, ob der verzicht auf die selbstlüge einer verorteten heimat nicht etwas - nun ja - unmenschliches hat.
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Lieber radar,
vielen Dank für deinen Kommentar. Ich will versuchen auf deine Punkte kurz einzugehen, so wie ich sie verstanden habe.
Du nennst 'Heimat' eine „vorsprachliche Sehnsucht“. Die (notdürftig) sprachliche Darstellung dieser Sehnsucht nennst du „Fluchtpunkt“. Die Sehnsucht richtet sich auf diesen Fluchtpunkt und wird gleichsam von diesem her bestimmbar. Der Fluchtpunkt ist in diesem Fall der Begriff oder das Konzept ‚Heimat’. Der Name ‚Heimat’ ermöglicht uns also eine gemeinsame Perspektive auf eine Sehnsucht.
Mir ist nun unklar, wie du den Zusammenhang von Fluchtpunkt und Sehnsucht siehst. Nach dem bisher gesagten würde ich meinen, dass Fluchtpunkt und Sehnsucht derart miteinander verwoben sein müssten, dass es unmöglich ist, von dem einen, aber nicht von dem anderen zu sprechen. In meinem Beitrag steht: „Viele unserer Bedürfnisse sind geschichtlich. Ihr Ende kündigt sich an, wenn die Worte, die sie ausdrücken sollen, uns hohl in den Ohren zu klingen beginnen.“ Damit meine ich, dass Bedürfnisse (z.B. Sehnsüchte) auch einfach verschwinden können, wenn es keine Fluchtpunkte gemeinsamer Bezugnahme auf diese Bedürfnisse mehr gibt. Oder anders: Bedürfnisse sind nicht gänzlich individuell.
Ich verstehe nicht, inwiefern dieser Fluchtpunkt „nur notdürftig versprachlicht“ ist.
Meinst du, dass Sätze einer Sprache unsere Sehnsüchte prinzipiell nur unbefriedigend zum Ausdruck bringen? Dann müsstest du allerdings die Auffassung vertreten, dass Sehnsüchte als solche auch jenseits ihres sprachlichen Ausdrucks bestehen (diese und keine andere Sehnsucht besteht, und sie kann außerdem noch sprachlich ausgedrückt werden – oder auch nicht – und das auf unterschiedliche Weise). Wäre diese Sichtweise richtig, entstünde das Problem nicht, welches ich vor Augen hatte, als ich unsere Ausschreibung formulierte. Denn dort behaupten wir ja gerade, dass ein Bedürfnis (oder eine Sehnsucht) mit ihrer sprachlichen Darstellung untrennbar verwoben ist. Eben weil das so ist, müssen wir uns auf die Suche machen, nach sprachlichen Ausdrucksformen (aber auch bildlichen und musikalischen), die unsere Bedürfnisse ausdrücken, weil wir sie sonst nicht mehr haben werden. Bedürfnis und Darstellung fallen nicht zusammen, können aber auch nicht voneinander gelöst werden. Daher können Bedürfnisse auch verschwinden, wenn die sprachlichen Konzepte, die dieses Bedürfnis zum Ausdruck bringen, sich verändern oder verschwinden. Fluchtpunkte verorten also Sehnsüchte und machen sie überhaupt erst zu einer bestimmten Sehnsucht.
Doch scheinst du eher einer sprach-skeptischen Linie zu folgen: die (sprachliche) Gemeinsamkeit ist utopisch. Konstrukt unserer Imagination und Erinnerung, "notdürftig versprachlicht" und "nicht greifbar". Nicht von Verortung sprichst du, sondern im Gegenteil von der Ortlosigkeit der sprachlichen Darstellung. Allerdings auch von der Präsenz des Horizontes, der ja – ähnlich wie der Fluchtpunkt – zur Verortung beiträgt. Mir scheint, du möchtest sagen, dass der Begriff ‚Heimat’ keine Identität im Sinne einer unverrückbaren Ausschließlichkeit hat (worin ich dir ausdrücklich zustimme). Dein Beispiel veranschaulicht diese Kritik: alles ist in Bewegung: der Empfindende, die Sprache, die Welt, die Anderen. Aber ist Bewegung ortlos? Und können wir nur greifen, was still steht?
Du sprichst von einer solchen Möglichkeit in Begriffen der individuellen Erinnerung, des „Nachdämmerns“. Ich glaube aber, dass es auch eine aktive und öffentliche Sprache gibt für das Greifen und Begreifen von Sehnsüchten, die diesen einen Ort geben.
Und nun verstehe ich zuallerletzt nicht, warum du eine verortete Heimat als Selbstlüge bezeichnest. Sie wäre es doch nur dann, wenn sie dem Phantasma der Eindeutigkeit und Ursprünglichkeit verfallen wäre. Eine flüssige Sprache stellt sich diesen Verknöcherungen in den Weg. Daher glaube ich unbedingt, dass eine flüssige Sprache Zugehörigkeit kennen und ausdrücken kann.
Mir ist klar, dass diese Ausführungen zu kurz sind. Daher werde ich in meinem nächsten Beitrag versuchen meinen Gebrauch des Terminus ‚flüssige Sprache’ zu verdeutlichen.
Hi Marc, I want to introduce you to http://freearticle.name
lieber marc, du warst so freundlich, meine unschärfe als differenzierungsbedürfnis mißzuverstehen... nein, so strukturiert bin ich gar nicht. lassen wir fluchtpunkt und sehnsucht ruhig in eins fallen, das tut nichts.
nein, ich werde nicht den fehler machen, zu sagen, daß sehnsucht jenseits ihres sprachlichen ausdrucks existiert, sie ist nun mal (nur) ein wort. und sehnsucht "als solche" ist ebensowenig existent wie heimat als solche. und daraus folgt eben nicht, daß ein bedürfnis untrennbar mit seiner sprachlichen darstellung verwoben ist.
es gibt das bedürfnis, jemanden zu berühren und jemand anderes eben nicht, es gibt das bedürfnis, an einem ort bleiben zu wollen und andere so schnell wie möglich verlassen zu wollen. es gibt einen haufen bedürfnisse ganz primär physisch-impulshafter art, die ihre sprachliche fassung erst erfahren, indem sie ins bewußtsein gehoben werden (weil sie verhandelt werden müssen). es gibt sogar bedürfnisse, die auf sprache verzichten, das bedürfnis zu schweigen etwa.
natürlich sind die bedürfnisse fließend und metamorph, und die sprachlichen konstrukte versuche von ordnung, fixierung, hypothese, auch camouflage, und immer statischer als das bedürfnis. und immer not - dürftig im sinne von krisenvermeidend zureichend. und natürlich phantasmen. aber eben notwendige phantasmen. identitätsstiftende phantasmen. kommunikation ermöglichende, auch tödliche, natürlich (siehe blog böse). diese phantasmen von ursprünglichkeit und eindeutigkeit verdanken sich doch einer realen erfahrung der verflüssigung des lebens, die mit der moderne zugreift. die romantik, der du dieses konzept zuschreibst, hat - als wiege der moderne - auch gleichzeitig an der ironisierung dieses - sprachlichen - verfahrens gearbeitet.
ich verstehe das anliegen. ich teile es eigentlich auch. ich zweifele nur an der rekursiven kraft der sprache. ich sehe, glaube ich, eine art energieproblem. du denkst homöopathisch und suchst der verflüssigung der welt mit einer verflüssigung der sprache beizukommen.
ich bin nicht sicher. in erwartung deines begriffs von flüssigkeit,
herzlichst,
radar.
HEY Marc ! ** take a look at www.turboplex.net **
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