Heimat, Dauer & Verlassenheit, von Robert M. Lennartz
Wir haben nur eine Heimat, von dieser aber viele; und gleichzeitig. Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein besonderes Verhältnis. Dieses Verhältnis kann ich zu einem Ort, einer Gegend, einem Land oder Planeten haben. Aber auch zur Musik, zur Sprache, zur eigenen Familie, zu Gewohnheiten, zur landestypischen Küche oder eigenen Firma. und ich habe dieses Verhältnis nicht einfach, sondern ich habe es immer in Lebensphasen, Momenten, in Erinnerungen oder Phantasien.
Wir fragen uns: Was ist das für ein Verhältnis?
Das gesuchte Verhältnis wird in der regel als ein urtümliches angesehen. Mit seiner Heimat ist man verwurzelt. Von seiner Heimat weiß man nicht, man hat sie. Sie war schon immer da. Das Verhältnis ist ein vortheoretisches, intim und sinnlich. Heimat hat einen Geruch, einen Geschmack, Geräusche. In seine Heimat kommt man immer zurück. Diese Intuitionen findet man in den meisten Verweisen zum Thema Heimat quer zu allen politischen, philosophischen oder ästhetischen Positionen.
Dieselben Verweise verknüpfen oft auf die eine oder andere weise Heimat und Entfremdung. Doch das Beklagen von Entfremdung braucht die Utopie der Versöhnung. Diese geht oft mit der (erfüllbar-unerfüllbaren) Erinnerung an Heimat einher. Heimat ist der Fluchtpunkt der eigenen Identität, der unerreichbar dem modernen Menschen vor Augen steht. Wir wollen uns mit uns (und gleich noch mit den anderen) versöhnen. Wir brauchen eine neue Heimat.
Wir halten die Verbindung von Heimat und Ursprünglichkeit für einseitig und die Verbindung von Heimat und Entfremdung für falsch. Eine Heimat zu haben, heißt mit etwas vertraut zu sein. Heimat verlangt Kenntnis, Intimität. Heimat erlebe ich in Ritualen und eigentümlich bekannten Momenten. Ich kenne mich aus und übersehe gleichzeitig vieles. Ich bewege mich durch meine Wohnung und kann mich blind orientieren, dennoch sehe ich vieles nicht, was ich mit ‚fremden Augen’ wohl sofort sehen würde. In meinem Erleben verschränken sich Wahrnehmung und Erinnerung. Diese Vertrautheit zu erreichen braucht Zeit. Es dauert, bis ich etwas ‚Heimat’ nennen kann. Doch auch wenn Vergangenheit (und Zukunft) zur Heimat dazugehören, so findet sie doch immer hier und jetzt statt.
Es geht in meinem heimatlichen Verhältnis zur Welt also um ein selbstverständliches zurechtfinden, um ein Vertrauen in die Art, wie die Dinge in der Welt funktionieren. Doch Vertrautheit im Erleben reicht nicht aus, um eine Heimat zu haben. Es braucht die konkrete, einmalige Erfahrung von Heimat in einzelnen Augenblicken; seltene Momente, in denen Heimat als Heimat erscheint. Ich erlebe nicht nur vertraute Begebenheiten, sondern mein Blick verrückt sich für einen Moment, ich bekomme mich selbst in den Blick und urteile, dass mir etwas vertraut ist.
Diese Urteile handeln von mir und der Welt. sie ermöglichen es mir, die einzelnen Begebenheiten meines Lebens als sinnvoll und zusammenhängend zu begreifen. Ich erlebe nicht nur Momente der Vertrautheit, sondern verknüpfe sie in meinem Urteil zu einem Netz. Jedes Urteil verändert mich. Ich glaube, dass ein Mensch, der tatsächlich keine Heimat hat, nicht sagen kann, wer er ist. Nur in der Veränderung, die mir Heimat aufzwingt gibt es Dauerhaftigkeit. Erst in einer Heimat gibt es eine in diesem sinn dauerhafte Welt, dauerhafte Beziehungen zu menschen und dauerhaft mich.
ohne heimat hat mein leben keine dauer, sondern eine bestimmte länge, die in jahren oder jahrzehnten gemessen werden kann, jedoch keinen inneren zusammenhang hat. ohne heimat lässt sich nicht sagen, was mein leben mehr war als eine abfolge von einzelnen ereignissen und dingen.
gar keine heimat zu haben - heimatlos zu sein - ist eine grenzsituation. es lassen sich zwei grundsätzliche grenzsituationen denken: eine innere und eine äußere.
die äußere grenze von heimat ist der tod. der zusammenhang ist banal: das phänomen heimat gehört zum leben. der tod ist die singularität, in der heimat endet.
die innere grenze von heimat ist schwerer zu bestimmen und muss umstritten bleiben. ich denke, es gibt politisch und psychisch heimatlose menschen. die menschen, die vergessen und isoliert in lagern interniert sind und umgebracht werden, muss man wohl heimatlos nennen. sie sind gänzlich und von allem verlassen. jede form der verbundenheit mit der welt ist getilgt. selbst die möglichkeit von interaktion und somit die möglichkeit von heimat ist verloren. für diese menschen gibt es keine hoffnung, selbst aus unserem gedächtnis wurden sie erfolgreich gelöscht.
auf andere weise können psychisch kranke menschen heimatlos sein. herausgefallen aus der welt, radikal verlassen und ohne hoffnung auf rückkehr, leben sie jenseits irgendeiner verknüpfung wie im freien fall.
ich denke, man sollte es sich in der beurteilung nicht leicht machen. das wort ‚heimatlos’ sollte nicht leichtfertig und inflationär gebraucht werden. die meisten menschen sind selbst in aussichtslosen situationen in der lage, noch im kleinsten blick oder einer vagen hoffnung, einen rest von heimat zu bewahren. es soll nicht zynisch klingen, aber selbst flüchtlinge in lagern haben oft noch ihre erinnerung, ihre hoffnung und vielleicht sogar mitmenschen. nur wenn das alles fehlt, wenn die erinnerung durch die folter vernebelt ist und die hoffnung aufgegeben wurde und wenn es keine mitmenschen mehr gibt, die das wissen könnten – wenn ein mensch also radikal verlassen ist - dann ist er heimatlos.
„verlassenheit entsteht, wenn aus gleich welchen personalen gründen ein mensch aus dieser welt hinausgestoßen wird oder wenn aus gleich welchen geschichtlich-politischen gründen diese gemeinsam bewohnte welt auseinanderbricht und die miteinander verbundenen menschen plötzlich auf sich selbst zurückwirft. in der verlassenheit sind menschen wirklich allein, nämlich verlassen nicht nur von anderen menschen und der welt, sondern auch von dem selbst, so sind sie unfähig, die eigene, von den anderen nicht mehr bestätigte identität mit sich selbst aufrechtzuerhalten. in dieser verlassenheit gehen selbst und welt, und das heißt echte denkfähigkeit und echte erfahrungsfähigkeit, zugleich zugrunde.“
Hannah Arendt
ps
man kann auch in der lüge beheimatet sein. wenn die lüge komplex genug ist, dürften hinsichtlich der erfahrung von heimat keine nachteile zu spüren sein. pinochet dürfte als mensch mit heimat gestorben sein. heimat ist nicht wahrhaftig.
AREAL28 // eberswalder str. 28 // 10437 berlin // areal28.com
Wir fragen uns: Was ist das für ein Verhältnis?
Das gesuchte Verhältnis wird in der regel als ein urtümliches angesehen. Mit seiner Heimat ist man verwurzelt. Von seiner Heimat weiß man nicht, man hat sie. Sie war schon immer da. Das Verhältnis ist ein vortheoretisches, intim und sinnlich. Heimat hat einen Geruch, einen Geschmack, Geräusche. In seine Heimat kommt man immer zurück. Diese Intuitionen findet man in den meisten Verweisen zum Thema Heimat quer zu allen politischen, philosophischen oder ästhetischen Positionen.
Dieselben Verweise verknüpfen oft auf die eine oder andere weise Heimat und Entfremdung. Doch das Beklagen von Entfremdung braucht die Utopie der Versöhnung. Diese geht oft mit der (erfüllbar-unerfüllbaren) Erinnerung an Heimat einher. Heimat ist der Fluchtpunkt der eigenen Identität, der unerreichbar dem modernen Menschen vor Augen steht. Wir wollen uns mit uns (und gleich noch mit den anderen) versöhnen. Wir brauchen eine neue Heimat.
Wir halten die Verbindung von Heimat und Ursprünglichkeit für einseitig und die Verbindung von Heimat und Entfremdung für falsch. Eine Heimat zu haben, heißt mit etwas vertraut zu sein. Heimat verlangt Kenntnis, Intimität. Heimat erlebe ich in Ritualen und eigentümlich bekannten Momenten. Ich kenne mich aus und übersehe gleichzeitig vieles. Ich bewege mich durch meine Wohnung und kann mich blind orientieren, dennoch sehe ich vieles nicht, was ich mit ‚fremden Augen’ wohl sofort sehen würde. In meinem Erleben verschränken sich Wahrnehmung und Erinnerung. Diese Vertrautheit zu erreichen braucht Zeit. Es dauert, bis ich etwas ‚Heimat’ nennen kann. Doch auch wenn Vergangenheit (und Zukunft) zur Heimat dazugehören, so findet sie doch immer hier und jetzt statt.
Es geht in meinem heimatlichen Verhältnis zur Welt also um ein selbstverständliches zurechtfinden, um ein Vertrauen in die Art, wie die Dinge in der Welt funktionieren. Doch Vertrautheit im Erleben reicht nicht aus, um eine Heimat zu haben. Es braucht die konkrete, einmalige Erfahrung von Heimat in einzelnen Augenblicken; seltene Momente, in denen Heimat als Heimat erscheint. Ich erlebe nicht nur vertraute Begebenheiten, sondern mein Blick verrückt sich für einen Moment, ich bekomme mich selbst in den Blick und urteile, dass mir etwas vertraut ist.
Diese Urteile handeln von mir und der Welt. sie ermöglichen es mir, die einzelnen Begebenheiten meines Lebens als sinnvoll und zusammenhängend zu begreifen. Ich erlebe nicht nur Momente der Vertrautheit, sondern verknüpfe sie in meinem Urteil zu einem Netz. Jedes Urteil verändert mich. Ich glaube, dass ein Mensch, der tatsächlich keine Heimat hat, nicht sagen kann, wer er ist. Nur in der Veränderung, die mir Heimat aufzwingt gibt es Dauerhaftigkeit. Erst in einer Heimat gibt es eine in diesem sinn dauerhafte Welt, dauerhafte Beziehungen zu menschen und dauerhaft mich.
ohne heimat hat mein leben keine dauer, sondern eine bestimmte länge, die in jahren oder jahrzehnten gemessen werden kann, jedoch keinen inneren zusammenhang hat. ohne heimat lässt sich nicht sagen, was mein leben mehr war als eine abfolge von einzelnen ereignissen und dingen.
gar keine heimat zu haben - heimatlos zu sein - ist eine grenzsituation. es lassen sich zwei grundsätzliche grenzsituationen denken: eine innere und eine äußere.
die äußere grenze von heimat ist der tod. der zusammenhang ist banal: das phänomen heimat gehört zum leben. der tod ist die singularität, in der heimat endet.
die innere grenze von heimat ist schwerer zu bestimmen und muss umstritten bleiben. ich denke, es gibt politisch und psychisch heimatlose menschen. die menschen, die vergessen und isoliert in lagern interniert sind und umgebracht werden, muss man wohl heimatlos nennen. sie sind gänzlich und von allem verlassen. jede form der verbundenheit mit der welt ist getilgt. selbst die möglichkeit von interaktion und somit die möglichkeit von heimat ist verloren. für diese menschen gibt es keine hoffnung, selbst aus unserem gedächtnis wurden sie erfolgreich gelöscht.
auf andere weise können psychisch kranke menschen heimatlos sein. herausgefallen aus der welt, radikal verlassen und ohne hoffnung auf rückkehr, leben sie jenseits irgendeiner verknüpfung wie im freien fall.
ich denke, man sollte es sich in der beurteilung nicht leicht machen. das wort ‚heimatlos’ sollte nicht leichtfertig und inflationär gebraucht werden. die meisten menschen sind selbst in aussichtslosen situationen in der lage, noch im kleinsten blick oder einer vagen hoffnung, einen rest von heimat zu bewahren. es soll nicht zynisch klingen, aber selbst flüchtlinge in lagern haben oft noch ihre erinnerung, ihre hoffnung und vielleicht sogar mitmenschen. nur wenn das alles fehlt, wenn die erinnerung durch die folter vernebelt ist und die hoffnung aufgegeben wurde und wenn es keine mitmenschen mehr gibt, die das wissen könnten – wenn ein mensch also radikal verlassen ist - dann ist er heimatlos.
„verlassenheit entsteht, wenn aus gleich welchen personalen gründen ein mensch aus dieser welt hinausgestoßen wird oder wenn aus gleich welchen geschichtlich-politischen gründen diese gemeinsam bewohnte welt auseinanderbricht und die miteinander verbundenen menschen plötzlich auf sich selbst zurückwirft. in der verlassenheit sind menschen wirklich allein, nämlich verlassen nicht nur von anderen menschen und der welt, sondern auch von dem selbst, so sind sie unfähig, die eigene, von den anderen nicht mehr bestätigte identität mit sich selbst aufrechtzuerhalten. in dieser verlassenheit gehen selbst und welt, und das heißt echte denkfähigkeit und echte erfahrungsfähigkeit, zugleich zugrunde.“
Hannah Arendt
ps
man kann auch in der lüge beheimatet sein. wenn die lüge komplex genug ist, dürften hinsichtlich der erfahrung von heimat keine nachteile zu spüren sein. pinochet dürfte als mensch mit heimat gestorben sein. heimat ist nicht wahrhaftig.
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