23 Januar, 2007

heimat ist nur ein wort, von matthias scheliga

heimat ist nur ein wort. eine zeichenfolge. eine mit einem hauch, einem flageoletton am anfang, und einem verschlußlaut am ende. mit dem bezeichneten scheint es sich ähnlich zu verhalten: es ist offen, wo es beginnt, und am ende verschlossen wie tiecks runenberg. wir könnten versuchen, es von hinten zu lesen: dann stoßen wir eine tür auf und verenden in einem unendlichen sanften ächzen: tamiehhhhh...... schön. aber kabbalistisch. permutative heimsuchung.

14 tage eines sommers bin ich einem mann gefolgt, mit dem ich einige gensequenzen, die dort verschlüsselte sentimentalität und die neurosen des zwischenweltlers teile. quer durch oberschlesien bin ich ihm nachgelaufen, das kamera-objektiv auf die siegfried-linie zwischen seinen schulterblättern gerichtet, kalvarienberge hinauf, durch stillgelegte bergwerksstollen hindurch, am einegebneten grab seines vaters vorbei ("sie haben nur sein kissen zurückgebracht, und mutter schrie wütend: das ist das falsche kissen, das ist das falsche kissen") und durch die verwehenden liedtrümmer der "autochtonen" bis in das brütende rot eines beichtstuhls hinein. irgendwann - da ging es den kalvarienberg wieder runter - schrie er mich an und ich zurück. tamiehhhh, tamiehhhh, schrien wir wie mythische geblendete vögel, die sich nicht erkennen können. wir fuhren schweigend zurück. 800 kilometer ohne ein wort.

es gibt noch andere worte, die mit einem hauch beginnen und sich dann schließen: heiland, herkunft, habsucht, hortus, hochmut, ..... und horizont. Ist man so weit hinausgefahren, daß keine vögel mehr folgen, bezeichnet horizont das verlassene ebenso wie das zu erreichende. hauch und verschluß umgeben einen wie ein kreisendes kontinuum, richtungslos, flüssig. springende koordinaten auf mehreren achsen, hinten und vorn, gestern und morgen, links und rechts, fuß und schwinge, alles tauscht die seiten, kappt die trossen, wechselt die währung. das flaschengrüne neon des radars tastet kreisend über gischtkronen, fremde schiffe, den kopf eines schwimmers vielleicht, von dem niemand wissen wird. Das deutlichste echo wirft der eigene leib, längst verwachsen mit dem schiffsleib zu einem amphibischen kopfwesen, das wie kork zwischen den sphären tanzt, ohne gewicht und ohne die eigene bewegung von der der elemente scheiden zu können. Die ganze welt ein kopf, und der ganze kopf ein amorphes phosphoreszierendes zentrum auf einem 12-zoll-monitor, bindungslos, selbstreferentiell und zuhause. zu - hause. ort und bewegung in einem. horizon-t-noziroh. ich ge-höre mir zu. ich verstärke mich. ich re(rä)soniere.

ich fuhr mit dem zug nach marseille. im selben abteil ein am ganzen körper tätowierter, der zur fremdenlegion wollte, wo man seine herkunft, seinen namen, seine geschichte auslöschen würde. auf seinem arm standen namen von frauen, auf seiner stirn stand patria, auf seinen fingerknöcheln hass. alles in jenem blassen blau, das die gefängnistinte und die gefängnishimmel gemein haben. während der 12 stunden, die die zugfahrt dauerte, lief er ruhelos durch die gänge und betrank sich dabei. als wir in marseille ankamen, war er nahezu bewegungsunfähig. seine stirn (patria) ruhte auf dem unterarm (yvonn, klara, jaqueline....). freundliche mitreisende verhalfen ihm zum büro der legion

etrangere. im bahnhof von marseille um sechs uhr morgens lagen die displaced persons gereiht wie gestrandete sardinen schlafend in der haupthalle. Ein polizist schritt ihre reihen ab und trat jedem liegenden mit dem ganzen körpergewicht auf die füße, so daß ihnen, wenn sie sich nicht bewegten, die gelenke brechen und die sehnen zerreißen mußten. es wirkte rituell. er schien es jeden morgen zu machen. Es war eine lotterie der ankunft. wer nicht reagierte, war tot genug, um angekommen zu sein. wer schmerzensschreie ausstieß und sich bewegte, blieb reisender, der sich stumpf aus einer ankunft erhob und in die nächste mögliche weiterhumpelte.

im französischen wird das paradies, der garten, umzäunt wie auch das dorf, das für heimat ethymologisch pate steht, offen gesprochen: le paradi. es beginnt mit einem verschlußlaut und endet offen im - i- , einem laut, dem rimbaud die bedeutung gab: pourpres, sang crache - purpurn ausgespienes blut.

meine früheste erinnerung bin ich selbst, wie ich aus dem schuppen der kinderkrippe eines der begehrten dreiräder herauszerre, mich darauf schwinge und mir selbst erzähle (im getragenen tonfall eines ernstzunehmenden epos): "...und er fuhr fahrrad, er fuhr und fuhr,.., und er fuhr....". ich bin sicher, ich wußte, daß ich zurückkehren würde, und dass es um das zurückkehren ging, aber ich hatte keinen namen dafür. Eine im rhythmus der pedaltritte pumpende austrittswunde. ich war flüssig. ich nehme an, daß mich der zaun oder eine erzieherin einfing und so etwas sagte wie: aber wer wird denn gleich davonlaufen wollen? und mich sanft zurückschob. dabei ging es gar nicht um richtungen. es ging vielleicht darum, im scheelen blick über die schulter den nichtort auszumachen, in der fort-bewegung meiner zugehörigkeit gewahr zu werden.

heimat ist nur ein wort, eine hypothetische konstruktion für das bedürfnis von zugehörigkeit. Es findet häufiger in fragen verwendung als in aussagen. Für 31 prozent der deutschen ist es der wohnort, für 27 prozent der geburtsort, für 25 prozent die familie, für 11 prozent das land und für 6 prozent die freunde. ich benutze es nie. niemand aus meiner familie hat es je benutzt. ich sage hier und dort. ich sage herkunft. Ich sage "nachhause", .............









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